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Konstruierte Emotionen

Emotionen haben schon in einigen Kapiteln die Hauptrolle gespielt. Wir haben unseren Einfluss auf sie betrachtet und über Verarbeitung und Bewertung gesprochen. Doch was sind Emotionen eigentlich genau, und wie entstehen sie? Darum geht es in diesem Kapitel.

Die amerikanische Psychologieprofessorin Lisa Feldman Barrett hat diese Frage in Ihrem Buch “How Emotions Are Made” mit ihrer eigenen Theorie – basierend auf ihren Forschungsergebnissen – beantwortet. Dabei hat sie einige weit verbreitete Annahmen widerlegt: Es gibt keine speziellen Regionen im Gehirn, die für bestimmte Emotionen verantwortlich sind, und wir haben auch keine “rationalen” und “emotionalen” Teile in uns, die “gegeneinander” agieren. Auch haben Wissenschaftler bisher keine für alle Menschen gleichen "Fingerabdrücke" von Emotionen gefunden. Vielmehr entstehen Emotionen durch ein Zusammenspiel diverser Einflüsse, die unterschiedliche Hirnregionen mit einbeziehen. Die verschiedenen Pakete von Faktoren, die für unterschiedliche emotionale Zustände in uns sorgen, nennt sie “emotionale Konzepte”. Und auf diese Konzepte können wir bewusst Einfluss nehmen und somit unsere Emotionen zu einem gewissen Maße direkt steuern. Die Konstruktion der Konzepte beginnt bereits in unserem ersten Lebensjahr und kann das ganze Leben über fortgesetzt werden. Deshalb ist auch der Name ihrer Theorie sehr passend: Die Theorie der konstruierten Emotionen.

Konstruktion

Laut dieser Theorie gibt es drei verschiedene Arten der Konstruktion, die für unsere Emotionen verantwortlich sind: 

 

  1. Die neuronale Plastizität zeigt, dass Erfahrungen den Aufbau unseres Gehirns beeinflussen.

  2. ​Die psychologische Konstruktion beschreibt, wie Emotionen durch die Kernsysteme in unseren Gehirnen und Körpern konstruiert werden. 

  3. Aus der sozialen Konstruktion akzeptiert sie die große Relevanz von Kultur und Konzepten.

Unsere emotionalen Konzepte basieren also auf dem Aufbau unseres Gehirns, der Art und Weise, wie wir Emotionen in uns erschaffen, sowie den kulturellen Einflüssen, welche die anderen Faktoren maßgeblich steuern. Emotionen sind also nicht angeboren und evolutionär in uns entstanden, sondern stark kulturell beeinflusst. Feldman Barrett führt dazu viele Beispiele kulturspezifischer Emotionen auf, die es nicht weltweit gibt – sie sind auf bestimmte Kulturkreise beschränkt.

Image by Arun Prakash

Außerdem gibt es einige Faktoren, welche unsere Wahrnehmung von Emotionen im Moment beeinflussen. Einer davon ist unsere Interozeption. Dieser Begriff bezeichnet die Wahrnehmung unserer inneren Körperzustände. Dazu gehören Dinge wie Herzschlag, Hungergefühl und die Atmung. Momente intensiver Interozeption, beispielsweise wenn wir einen schnellen Herzschlag haben und ein wenig außer Atmen sind, können aber auch als Emotion interpretiert werden. In einem solchen Moment konstruiert unser Gehirn also Bedeutung aus körperlichen Phänomenen, die teils aber einen ganz anderen Hintergrund haben.

Ein weiteres derartiges Phänomen ist unser Affekt. Damit wird unser generelles “Grundgefühl” den Tag über bezeichnet – wir sind voller Energie, ruhig, interessiert, gelangweilt, mürrisch oder reizbar. Im Grunde steuert unser Affekt, ob wir uns eher positiv oder negativ fühlen und ob wir voller Energie oder eher träge sind. Für diese Gefühle machen wir dann häufig unsere Umwelt verantwortlich, und so entsteht “affektiver Realismus”. Wir erleben “Fakten” über die Welt, die aber stark durch unseren Affekt beeinflusst und somit zumindest teilweise durch uns selbst erschaffen wurden.

Wir sind also oft keine rationalen Kreaturen, die immer Vor- und Nachteile abwägen. Wir sind auch keinen mythischen emotionalen Schaltkreisen ausgesetzt, die tief in den animalischen Teilen unseres hochentwickelten Gehirns vergraben sind. Unser Hirn vergleicht sensorische Eindrücke mit vergangenen Erfahrungen und erstellt daraus eine Hypothese. Es nutzt abgespeicherte Konzepte, um internen und externen Empfindungen eine Bedeutung zu geben. Emotionen sind keine Reaktionen gegenüber der Welt.

Wir sind keine passiven Empfänger sensorischer Inputs, sondern aktive Konstrukteure unserer Emotionen. Wir sind die Architekten unserer Erfahrungen. Unser Gehirn hat sich evolutionär so entwickelt, dass es verschiedene Arten eines menschlichen Verstandes erschaffen kann, der an die jeweilige Umgebung angepasst ist.

Was können wir daraus nun für unser Leben ableiten? Kurz zusammengefasst sind das die folgenden Punkte:

  • Wir benötigen ein emotionales Konzept, um eine Emotion zu fühlen. Diese Konzepte lernen wir im Laufe unseres Lebens oder kombinieren sie aus bereits bekannten Konzepten. Wir können also neue Konzepte lernen oder alte umdeuten, um unsere emotionalen Erfahrungen zu steuern.

  • Durch emotionale Kategorisierungen geben wir physischen Symptomen Bedeutung, die über ihre grundlegende Aussage hinausgehen. Emotionen sind also so gesehen “Erklärungen” für unseren Zustand in bestimmten Situationen, die unsere Handlungen steuern. Wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir unsere reflexartigen Verhaltensweisen besser kontrollieren.

Image by bruce mars
  • In unserer sozialen Realität einigen wir uns auf verschiedene Konzepte wie Geld, Regierungen, Gesetze oder Freundschaft. Diese Dinge sind “echt”, weil Menschen sich darauf einigen, dass sie echt sind. Aber sie existieren genauso wie Emotionen nur dann, wenn sie durch menschliche Wahrnehmung wahrgenommen werden. Emotionale Konzepte wie “Angst“, “Wut“ und “Glücklichsein“ werden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Sie sind aber so gesehen auch nur “Erfindungen” – Bestandteile unserer sozialen Realität. Wenn wir verstehen, wie damit unsere Kultur unser Leben beeinflusst, können wir anderen Kulturen mehr Verständnis entgegenbringen und uns ein wenig von dem Standpunkt treffen, dass wir genau wissen, was “echt und richtig” ist.

  • Unsere Wahrnehmung von Emotionen in anderen ist durch unsere emotionalen Konzepte geprägt. Wir lernen, Emotionen zu “lesen”, aber nur auf Basis der “emotionalen Sprache", die wir selbst beherrschen. Deshalb sind falsche Einschätzungen der emotionalen Zustände unserer Mitmenschen vorprogrammiert. Wenn wir dies verstehen, können wir Missverständnisse vermeiden und lernen, nicht vorschnell zu “wissen”, wie sich jemand anderen fühlt.

Image by Fabian Albert

Zusammengefasst zeigen diese Erkenntnisse eine etwas unbequeme Wahrheit: Wir haben mehr Einfluss auf unsere Emotionen, als wir oft denken, und damit auch mehr Verantwortung. Ganz streng gesehen sollten wir also niemals unseren Emotionen die “Schuld” für unser Verhalten geben, worum es auch immer geht. Ja, sie sind eine extrem starke Kraft in uns, die uns regelrecht mitreißen kann. Wir können aber lernen, sie zu steuern und unsere emotionalen Verhaltensweisen langfristig darauf trainieren, vorteilhafter zu sein – vielleicht in einer Art und Weise, die nicht nur uns selbst das Leben einfacher macht, sondern uns auch ermöglicht, positiv auf unsere Mitmenschen einzuwirken und ihre Leben somit ein klein wenig einfacher zu machen.

Die Hausaufgabe

Versuche, deine Emotionen etwas genauer zu betrachten, denn wir wissen ja jetzt: Du hast mehr Einfluss auf sie, als du vielleicht immer gedacht hast. Konzentriere dich dabei auf die folgenden Punkte:

– Beobachte genau, wie vermeintliche Fakten, denen du begegnest, von deinen Emotionen beeinflusst werden und inwiefern du sie wirklich “objektiv” nennen kannst.

– Vergiss nie, dass Emotionen sehr individuell sind. Nicht jeder fühlt sie genauso wie du, besonders, wenn dein Gegenüber einen anderen kulturellen Hintergrund hat.

– Versuche, neue Emotionen zu “lernen”, indem du ganz genau hinterfragst, was du gerade fühlst oder dich intensiv mit emotionalen Begriffen beschäftigst, die für dich bisher keine große Bedeutung hatten. Steigere so deine emotionale Intelligenz.

– Denke daran, dass Emotionen Teil unserer sozialen Realität sind – die Wörter, die wir für sie nutzen und auch deren Bedeutung sind “Erfindungen”, auf die wir uns als Kultur geeinigt haben, und keine naturgegebenen Fakten.

– Berücksichtige deinen körperlichen Zustand in Zusammenhang mit deinen Emotionen. Wenn du dich schlecht fühlst, weil du zu wenig geschlafen hast, dich ungesund ernährst oder generell nicht sonderlich fit bist, wirkt sich dein physischer Zustand auf deine Gefühle aus.

Der Merksatz

Ich bin meinen Emotionen nicht hilflos ausgeliefert und beeinflusse sie durch meine Gedanken und Handlungen..

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